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Von Zuckerschnuten und Mäusebären, wie Kosenamen unsere Kinder beeinflussen

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Letzt hat sich meine Tochter bei mir beschwert, sie sei weder süß, noch klein noch mein Herz und überhaupt solle ich sie bei ihrem Namen nennen oder vielleicht noch „Großes Mädchen“. Den Rest will sie nicht mehr hören. Ich fand das ja ziemlich gemein von ihr, weil ich ihr so gerne süße Namen gebe. Zum Glück habe ich ja noch die Jüngste, die kann noch nicht wirklich reden, da kann ich mich noch austoben.

Aber ein bisschen habe ich über die Worte meiner Tochter doch nachgedacht und dabei ist mir zu meinem Entsetzen aufgefallen, dass die Kosenamen für meinen Sohn und die für meine Töchter sehr unterschiedlich sind. Während die von meinem Sohn eher offen sind, damit meine ich, dass sie keine Charaktereigenschaften transportieren, wie zum Beispiel Mäusebär – ich wüsste nicht wirklich, wie ein Mäusebär sich den ganzen Tag so verhält, habe ich doch eine Vorstellung davon, wie so eine Zuckerschnute ist. Vorallem halt süß und bestimmt auch lieb.

Ich habe mal so überlegt, was es sonst noch an gängigen Kosenamen – nette und auch gemeine – gibt und was die eigentlich so transportieren.

Für Jungen sehr beliebt ist zum Beispiel der „Kleine Mann“ – okay, das ich auch nicht besonders toll, schließlich handelt es sich bei den Adressaten meist um Jungen unter dem sechsten Lebensjahr und die sind keine kleinen Männer, sondern kleine Jungen. Aber zumindest ist es ein Faktum, er wird einmal ein Mann, also in gewisser Weise ist er irgendwie gerade ein kleiner Mann. Dazu, ein Mann zu sein, ist ja an sich noch nichts schlimmes, das kann man ja ausgestalten und werden, wie man will.

Als Äquivalent gibt es aber nicht die „Kleine Frau“. Nein, es gibt „Die Kleine Madame!“ Das ist nun definitiv aus dem Bereich der nicht so nett gemeinten Bezeichnungen. „Die Kleine Madame“ wird nämlich immer dann ausgepackt, wenn die Tochter gerade schwierig ist. „Die Kleine Madame hat wieder extra Wünsche!“, dazu in einem ganz bestimmten Tonfall gesagt. Wer es schon mal gehört hat, weiß, was ich meine. „Die Kleine Madame“, gehört für mich zu den schlimmsten Ausdrücken, jenseits von konkreten Beschimpfungen natürlich, den ich kenne. Warum? Für mich beinhaltet der Ausdruck, dass die Tochter nicht einfach gerade schwierig ist, so wie Menschen halt manchmal schwierig sind, vorallem Kinder, sondern dass es nicht legitim ist, schwierig zu sein, dass es nicht legitim ist, eigene Wünsche und Bedürfnisse zu haben. Dass die Tochter sich etwas anmasst, was ihr nicht zusteht! Ich finde das eine sehr subtile und brutale Methode, der Tochter von klein auf beizubringen, wo sie bedürfnismäßig als Mädchen steht.

Jungs, die einen eigenen Kopf haben sind oft „Der Chef“. Da hört man Eltern sagen, „Chef hat gesagt…“ Auch nicht gut, lastet dem Jungen eine kaum vorzustellende Bürde auf, quasi über den Eltern zu stehen. Aber, im Gegensatz zu „Der Madame“ ist es legitim, dass der Junge sagt, wo es lang geht. Es wird als positiv, wenn auch anstrengend empfunden. Das ist schließlich die Aufgabe des Chefs. Bedenklich ist hier eher, wo die Eltern sich in dem Falle verorten.

Jungs die Ärger machen sind Schreihälse“. Auch nicht nett, wenn Eltern ihre Kinder so nennen. Aber, kleine Kinder schreien, das findet kaum einer gut, kaum ein Elternteil wertschätzt, wenn ihr Kind schreit, vorallem nicht, wenn es viel schreit, aber beim Schreihals steht es außer frage, dass es nunmal Kinder gibt, die viel schreien. Es ist nicht toll, so ein Kind abbekommen zu haben und man bedauert sich mitunter deswegen, aber es steht außer Frage, dass es einem Kind zusteht, ein Schreihals zu sein. Sein Schreien ist legitim, während das Verhalten eines anstrengenden Mädchens mit dem Ausdruck „Die Madame“ als illegitim abgewertet wird.

Das positive Äquivalent zum „Kleinen Mann“ ist bei Mädchen sicherlich die „Prinzessin“. Auch bei der Prinzessin schwingen für mein Empfinden eine ganze Reihe Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen mit, das kann man nicht mehr frei ausgestalten. Eine Prinzessin ist lieb, sie ist brav und folgsam, sie ist hübsch, sie ist ruhig und sie weiß sich zu benehmen. Sie ist möglicherweise fordernd, aber auf eine liebe, anschmiegsame, defensive Art. Ist sie direkt, bestimmt und laut wird aus der „Prinzessin“ nämlich ganz schnell wieder „Die Madame“.

„Mein Herz“, das sage ich auch oft zu meiner Tochter. Das geht auch gar nicht. Ich möchte sie zu einem eigenständigen Menschen erziehen und sage zu ihr „Mein Herz“???

Und auch die „Zuckerschnute“ transportiert Erwartungen, wie die Tochter zu sein hat. Vorzugsweise süß und freundlich, wenn sie eingeschnappt oder traurig ist, darf sie eine süße, beleidigte Schnute ziehen. Aber auf keinen Fall schreien oder meckern oder sonst wie unzuckerig gucken.

Meine Töchter sind oft auch „Mäuse“ – Mäuse sind süß, Mäuse sind leise, Mäuse wuseln still und unauffällig vor sich hin. Mein Sohn war nie eine „Maus“, er war immer ein „Mäusebär“! Keine Ahnung, was ein Mäusebär so den ganzen Tag macht, aber er ist bestimmt um einiges lauter und wilder als eine Maus!

Spätestens im Kindergartenalter werden dann auch bei Jungs die Charaktereigenschaften deutlicher. „Machos und Zickenalarm“ – das wurde im Kindergarten meines Sohnes allen ernstes als Thema für einen Themenelternabend vorgeschlagen. Das lässt dann auch den Jungs wenig Spielraum, sich frei zu entfalten und selbst zu entscheiden, wer sie sein möchten!

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